Versteckt neben einer Rolltreppe am Zürcher Hauptbahnhof öffnet ein fröhlicher älterer Herr eine unscheinbare Tür. Die riesige Halle mit rotem Teppich ausgekleidet und massiven Wänden aus Sichtbeton hätten wir wohl alle nicht dahinter erwartet. Als ich meinen Blick durch den Raum schweifen lasse, bemerke ich, dass unsere Gruppe aus Menschen unterschiedlichster Alterskategorien besteht. Es scheint, als habe der VS-Zirkel – die Alumni-Gruppierung des Studiengang Verkehrssysteme – mit der Idee einer Bahnhofsführung genau den richtigen Nerv getroffen.
Als das Tor zur Aussenwelt geschlossen wird beschreibt ein Gast die Stimmung in diesem bunkerähnlichen Raum treffend: «Es fühlt sich an, als wäre wir in einer Geheimbasis». Also das Gefühl einer verschworenen Truppe, die mit Spannung an den Lippen des 80-jährigen Otto Hauser hängt. Dieser führt mit einem faszinierenden Rückblick auf die turbulente Geschichte des Zürcher Hauptbahnhofs ein, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts begann. 1947 wurde hier die erste Bahnstrecke der Schweiz von Zürich nach Baden eröffnet – auch bekannt als Spanisch-Brötli-Bahn.
Bei einer Bahnstrecke ist es aber bekanntlich nicht geblieben. Der Zürcher Hauptbahnhof wurde zu einem Knotenpunkt im europäischen Eisenbahnnetz. Oder wie es Otto Hauser formulierte: «Möchte man tatsächlich alles sehen, würde diese Führung nicht zwei, sondern 24 Stunden gehen».
In zwei Gruppen verlassen wir nun wieder diesen kühlen Kellerraum, der einmal als Teil eines Autobahntunnels angedacht gewesen war. Zurück im Gewusel des Feierabendverkehrs führt Hauser unsere Gruppe geschickt durch den Bahnhof. Schnell wird klar, er kennt den HB wie seine Westentasche und weiss zu jeder Ecke eine Geschichte zu erzählen. Ist euch etwa schonmal aufgefallen, dass der Lift schräg fährt? «Da die Perrons nicht genau übereinander liegen, konnte so sichergestellt werden, dass man dennoch immer genau in der Mitte ankommt.» berichtet Hauser.
Gegen Ende unserer Führung landen wir beim erst am Tag vor unserer Führung eröffneten Velotunnel. Bereits jetzt scheint der Tunnel rege genutzt zu werden. Unsere Gruppe steht an dieser unterirdischen Velostrasse und ist einmal mehr an diesem Abend in eine andere Welt eingetaucht.
Die vielen Welten und Seiten des Zürcher Hauptbahnhofs scheinen Otto Hauser wohl so lange hier gehalten zu haben. Vor rund 60 Jahren hat er seine Lehre bei der SBB angetreten und ist bis heute geblieben. Diesen Monat wird er nun zum zweiten Mal «pensioniert». Am folgenden Tag findet seine letzte Führung statt – doch bestimmt nicht seine letzte Zugreise.
Text: Ramona Ronner






